50 Arbeitsplätze hängen am Datentropf

Elbe-Elster – 22.01.2018

Lahmes Internet bremst Wirtschaft aus

Elbe-Elster. EE-Unternehmen beklagen die schlechte Internetversorgung. Iris Schülzke kritisiert den Kreis. Wie ist die Lage an der Internetfront wirklich? Von Daniel Friedrich und Birgit Rudow

Uesa-Geschäftsführer Helmut Hoffmann (l.) und Stefan Schneider, Bereichsleiter der Produktion, am Computer. Das Öffnen von einfachen Tabellen im Industriegelände dauert Minuten, vom Internet ganz abgesehen.Uesa-Geschäftsführer Helmut Hoffmann (l.) und Stefan Schneider, Bereichsleiter der Produktion, am Computer. Das Öffnen von einfachen Tabellen im Industriegelände dauert Minuten, vom Internet ganz abgesehen. FOTO: Daniel Friedrich / LR

„Warum Elbe-Elster noch digitale Wüste ist“, titelte die RUNDSCHAU Anfang des Jahres. Aus einer Antwort der Landesregierung auf eine „Kleine Anfrage“ der Schliebener Landtagsabgeordneten Iris Schülzke geht hervor, dass der Landkreis Elbe-Elster seit 2015 für den Breitbandausbau 3,8 Millionen Euro Bundes- und 2,3 Millionen Landesmitel erhalten hat. In Märkisch Oderland hingegen seien es 63,9 Millionen Euro Bundes- und 30 Millionen Euro Landesmittel gewesen. Zuständig für die Antragstellung sind die Kreise. Unternehmen seien unzufrieden, sagt Iris Schülzke. Manche würden bis nach Dresden fahren, um ihre Daten zu verschicken. meint sie. Stimmt das? Die RUNDSCHAU hat nachgefragt.

Datentransport per Auto
Auf dem Fertigungsgelände der Uesa im Industriegebiet Lönnewitz werden gerade Trafohäuschen verschraubt, verlötet und schlüsselfertig für den Kunden produziert. Eine Branche mit Zukunft, wie Geschäftsführer Helmut Hoffmann betont. Doch das Industriegebiet ist bezogen auf die Internetverbindung praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. „Die Geschwindigkeit ist eine Katastrophe“, sagt Hoffmann. Für die Kommunikation mit Kunden und anderen Standorten ist er dringend auf einen Datenaustausch angewiesen. Doch mitunter dauert es einige Minuten, bis sich eine Excel-Tabelle aus dem eigenen Hausnetzwerk öffnen lässt. So wirkt die Art und Weise, wie Baupläne vom Stammhaus in Uebigau nach Lönnewitz gelangen, wie aus der Zeit gefallen. Statt via modernem Glasfaserkabel tauschen Mitarbeiter mehrmals in der Woche wichtige Dokumente per USB-Datenstick oder in Papierform aus. Dafür setzen sie sich ins Auto und fahren gut 10 Kilometer zum benachbarten Standort. „Das ist ein Zustand, der wettbewerbsschädigend ist“, beklagt der Geschäftsführer. 50 Arbeitsplätze hängen nach seinen Worten in Lönnewitz am Datentropf. Welchen finanziellen Ausfall er durch das Hin- und Hergefahre hat, lasse sich nicht quantifizieren.

Schnelles Internet für vielfachen Preis
Unzufrieden mit der Internetverbindung ist auch Jürgen Graf, Geschäftsführer im Ingenieur-Vermessungsbüro Münster und Graf in Herzberg: „Wir sind auf eine hohe Datengeschwindigkeit angewiesen. Das Versenden von großen Daten und Herunterladen von Updates ist sehr beschwerlich.“ Lange Zeit sei der Austausch großer Datenmengen, etwa mit der Außenstelle in Berlin, kaum zu bewerkstelligen gewesen, weil die Firma mit einer Standard DSL-Leitung versorgt wurde. Seit einem Jahr bezieht das Vermessungsbüro laut Vertrag zwar VDSL (wesentlich höhere Datenübertragungsraten), doch die angepriesenen Geschwindigkeiten von 50 Mbit/s im Download beziehungsweise 10 Mbit/s im Upload kommen nicht an. Mitte 2017 keimt wieder neue Hoffnung: Das Unternehmen „Envia Tel“ tritt an die Herzberger heran. „Da ein modernes Glasfaserkabel direkt an uns vorbei läuft, wurden wir gefragt, ob wir es nicht mitnutzen wollten“, erzählt Jürgen Graf. Über das Kabel sollte das Vermessungsbüro mit 100 Mbit/s in beide Datenrichtungen ans Internet angeschlossen sein – freilich zu einem Vielfachen des bisherigen Preises. „Das hätten wir geschluckt, aber bislang verzögert sich der Anschluss an das Glasfaserkabel immer wieder“, so der Geschäftsführer.

421 Kilometer Glasfaserkabel in Elbe-Elster
Matthias Schneller, Leiter der Stabstelle Kreisentwicklung beim Landkreis, weiß, dass es Firmen gibt, die Probleme mit großen Datenmengen haben, dass Regionen und auch Gewerbegebiete noch unterversorgt sind. Dass Elbe-Elster aber eine digitale Wüste ist, das will er so nicht stehen lassen. Vor allem mit dem Programm „Glasfaser 2020“ sei in den letzten Jahren viel erreicht worden. Aktuell verfügt der Landkreis Elbe-Elster über ein Glasfasernetz mit einer Länge von 421 Kilometern, über 31 Hauptverteiler und 504 Kabelverteiler, von denen mit „Glasfaser 2020“ 245 ertüchtigt wurden. Damit sind etwa 60 Prozent der Haushalte in EE mit schnellem Internet (mit mindestens 30 Mbit/s) versorgt.
Und was passiert mit dem „Rest“, der nicht wenigstens 30 Mbit/s hat? Auch der soll (bis auf etwa 755 Haushalte in sehr abgelegenen Gebieten) demnächst erschlossen werden, sagt Matthias Schneller. Über ein Markterkundungsverfahren hat der Kreis alle privaten Anbieter angeschrieben, um zu erfahren, ob sie vorhaben, diese Gebiete in Eigenregie auszubauen. Dort, wo private Anbieter den Eigenausbau angekündigt haben, müssen sie laut Gesetz innerhalb von 36 Monaten fertig sein. Wie Schneller informiert, plant ein Unternehmen, in diesem Jahr 14 Ortschaften zu erschließen.

Fast 6 Millionen Euro für Internetausbau
Um auch die Regionen ans schnelle Internet anzubinden, für die kein Eigenausbau bekundet wurde, weil er unwirtschaftlich ist, hat der Bund ein Förderprogramm aufgelegt, aus dem die Wirtschaftlichkeitslücke finanziert wird (die RUNDSCHAU berichtete). In Elbe-Elster betrifft das etwa 2500 Haushalte und zehn Gewerbegebiete, dazu gehört auch Lönnewitz. Dafür stellen der Bund rund 3,8 Millionen und das Land etwa 2 Millionen Euro bereit. Den kommunalen Anteil von etwa 630 000 Euro trägt für finanzschwache Gemeinden zum großen Teil ebenfalls das Land, den Rest der Landkreis. „Diese Mittel wurden uns entsprechend unseres Bedarfs so zugewiesen. Wie andere Kreise auf 63 Millionen Euro kommen, kann ich nicht einschätzen“, so der Stabsleiter.
Angemeldet hat Elbe-Elster im Bedarf 155 Kilometer Glasfasernetz, etwa 100 Kabelverzweiger und neun Hauptverteiler. Für diesen Ausbau gibt es einen Anbieter, mit dem der Kreis noch im Januar in Verhandlungen tritt, so Schneller. Der erste Spatenstich ist Anfang 2019 vorgesehen.
Die Internetversorgung in Elbe-Elster schätzt Matthias Schneller angesichts der großen Fläche und im Vergleich zu anderen Kreisen als gar nicht so schlecht ein. „Das merken wir auch an den Nachfrage, die nach dem 2020-Programm abgenommen haben“, sagt er. Auch Jens Zwanzig, Geschäftsführer der Regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Elbe-Elster sieht das so. „Eine unzureichende Internet-Versorgung ist in Gesprächen vor Ort immer wieder Thema. Es ist aber nicht so, dass die Betriebe im Landkreis Sturm laufen“, sagt er.

Kostspielige Eigenlösung
Zurück ins Industriegebiet Flughafen Lönnewitz: Weil Uesa nicht länger auf Hilfe von außen warten kann, hat sich das Unternehmen nun selbst um eine provisorische Internetverbindung gekümmert. Ab April versorgt ein Funksender den Standort mit Internet. „Diese Verbindung hat zwar nicht die Kapazität eines Glasfaserkabels, aber sie wird uns erst einmal helfen“, hofft Helmut Hoffmann. Die Investition, ein fünfstelliger, Betrag, müsse man selbst tragen.

Quelle: lr-online