Spezialisten messen Schallbelastung in Jagsal

Jagsal – 25. November 2016

Windpark 1800 Meter entfernt / Landtagsgruppe BVB/Freie Wähler ist Auftraggeber / Gesundheitsschäden vermutet

Spezialisten haben in dieser Woche besondere Messungen in Jagsal bei Schlieben vorgenommen. Es geht um Gesundheitsschäden durch Windkraftanlagen. Beauftragt hat sie damit die Landtagsgruppe BVB/Freie Wähler, der die Schliebener Abgeordnete Iris Schülzke angehört. Die Abgeordneten wollen die Ergebnisse in ihre Argumentation im Landtag einfließen lassen.

Spezialisten messen Schallbelastung in JagsalSpezialisten messen Schallbelastung in Jagsal
Gutachter Sven Johannsen hat im geschlossenen Raum ein spezielles Gerät zur Messung von Infraschall aufgestellt. Foto: Rudow

Es ist nicht viel los in Jagsal am Mittwochmittag. Der Ort liegt still in der letzten Herbstsonne. Niemand bemerkt, dass aus einem Fenster des Hauses einer jungen Familie ein Mikrofon ragt. Es zeigt in Richtung Windpark Oelsig, dessen Windkraftanlagen etwa 1800 Meter entfernt im Hochnebel stehen.
Die Windräder sind der Grund für das Mikrofon und nicht nur dafür. Im Haus haben Sven Johannsen und Eric Brunne schon am Tag zuvor verschiedene Messanlagen aufgebaut. Johannsen ist geschäftsführender Gesellschafter der „Gutachter und Sachverständigen Zentrum für Umweltmessungen GmbH“ in Birkenau in Hessen. Er ist Sachverständiger für Umweltmessungen.
Die Abgeordnetengruppe BVB/Freie Wähler im Brandenburger Landtag mit der Schliebenerin Iris Schülzke hat die Sachverständigen mit den Schallmessungen beauftragt. „Vielen Bürgervereinigungen, die wir vertreten, liegt das Problem auf der Seele. Die Windkraftanlagen sind für die Menschen in den Ortschaften eine gesundheitsgefährdende Dauerbelastung, die von vielen Seiten negiert wird. Es muss endlich Vernunft einziehen. Wir fordern mindestens eine Abstandsregelung vom Zehnfachen der Anlagenhöhe zur Wohnbebauung. Dafür brauchen wir eine gute Argumentation im Landtag. Deswegen haben wir diese speziellen Messungen veranlasst“, sagt Iris Schülzke.
24 Stunden Daten aufgezeichnet – Jagsal ist dafür gut geeignet. Sven Johannsen und Eric Brunne sind Spezialisten auf ihrem Gebiet. Wie Johannsen berichtet, forscht er seit 30 Jahren in diesem Metier. Er ist zertifizierter Sachverständiger für Meteorologie und Umweltmessungen im Bereich der Akustik, Gutachter im Deutschen Gutachter- und Sachverständigen-Verband. Sein Unternehmen arbeitet mit professionellen Forschern zusammen. Etwa 200 Messungen macht das Zentrum im Jahr, vor allem für Unternehmen und Kommunen.
Die Räume in dem Haus in Jagsal, in denen die Spezialisten ihre Technik aufgebaut haben, sind unbewohnt. Das ist gut, denn sonst hätte die junge Familie das Haus für die Zeit der Messungen verlassen müssen. Alltagsgeräusche sind hinderlich. Über 24 Stunden haben die Ingenieure mit DIN-Normen konformen amtlich geeichten Geräten den Luftschall gemessen, der von den Windkraftanlagen in Oelsig verursacht wird. Für die Messung von Infraschall, der unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegt, wenden sie im geschlossenen Raum eine spezielle, von ihnen selbst entwickelte Messtechnik an: ein mikrobarometrisches Messgerät, das Feinstluftdruckschwankungen im tieffrequenten Bereich misst. Außerdem wird der so genannte Körperschall untersucht, Schwingungen, die im Haus durch die Vibration erzeugt werden.
Gesamtes Spektrum betrachtet  – Auch in der Nacht waren die Bedingungen in Jagsal hervorragend. Es gab kaum Nebengeräusche, der leichte Wind stand gut. Zwischen 22 und 1 Uhr wurden im Ort drei weitere Messstellen aufgestellt, unter anderem am Sportplatz. „Wir betrachten das gesamte Spektrum der Belastungen. Diese können zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. In Deutschland wird das gern ignoriert“, sagt Sven Johannsen.
Etwa 20 Prozent der Menschen würden Auswirkungen des Schalls sofort spüren, selbst wenn er unter der Wahrnehmungsschwelle liegt. Aber auch für diejenigen, die nicht so sensibel sind, seien die Auswirkungen da, erläutert er.
Über die Ergebnisse ihrer Messungen in Jagsal wird das Team für die Landtagsgruppe BVB/Freie Wähler in Brandenburg eine Expertenstellungnahme schreiben. Etwa drei Wochen haben zwei bis drei Ingenieure zu tun, die Daten auszuwerten, sagt Sven Johannsen. Er könne aber schon unmittelbar nach den Messungen sagen, dass die Schallbelastung in dem Haus in Jagsal so hoch war, als stünde der Windpark Oelsig nicht 1800 Meter, sondern nur 400 Meter entfernt, so der Gutachter.

Birgit Rudow

Quelle: lr-online.de